Pressetext 2

SCHÖNE SCHWINGUNGEN
Artikel aus dem Kölner Stadtanzeiger vom 2./3.12.2000


Verinnerlichung, Disziplin und ein neues Körpergefühl - mit Yoga-Übungen suchen längst nicht mehr nur Esoterik-Jünger Abstand vom hektischen Alltag. Ein Ziel, zu dem ganz verschiedene Wege führen. Oliver Cech hat einen Kundalini-Yoga-Kurs besucht.

"Ong Na-mo Gu-ru Dev Na-mo", summt der Mann am Ende des Zimmers. Silbe für Silbe, denn jede von ihnen ist heilig. "Ong Na-mo Gu-ru Dev Na-mo", summen wir ihm nach, die Augen geschlossen, den Blick nach innen gewendet. Mit diesen Worten stimmen wir uns ein auf unseren "inneren Lehrer". Nicht ganz leicht, dabei das Zucken der Mundwinkel im Zaum zu halten - gerade für den, der zum ersten Mal ein Mantra singt. "Ja, am Anfang hat mich dieses Singen befremdet. Aber dann spürte ich allmählich die physi-sche Wirkung", erzählt eine Frau aus der Gruppe nach Abschluss der Übungen: "Man kann tatsächlich die Schädeldecke zum Vibrieren bringen!"
Susanne Weber arbeitet in einer Nachrichtenagentur. Ein Beruf, der sie immer wieder extremem Zeitdruck aussetzt. Mit ausgiebigem Sport, vor allem durch Ausdauertraining, hat sie sich über Jahre hinweg ein Ventil verschafft. Damit war zunächst einmal Schluss, als sie schwanger wurde. Um sich beweglich zu halten, versuchte sie ihr Glück mit Kundalini-Yoga - einem Yoga-Stil, der in den sechziger Jahren in den Westen kam und sich gegenüber dem klassischen Hatha-Yoga vor allem durch dynami-schere Körperübungen auszeichnet.

"Das Spirituelle ist mir wurscht", sagt Susanne Weber geradeheraus. "Zunächst fand ich es einfach toll, dass ich während meiner Schwanger-schaft weiter arbeiten konnte wie sonst!" Doch auch danach hat sie am Yoga festgehalten, und sogar den anfangs belächelten Mantras kann sie mittlerweile etwas abgewinnen. Denn von ihrer Symbolik abgesehen, stimu-lieren die Lautverbindungen dieser Silbengesänge bestimmte Meridian-punkte am Gaumen und versetzen über physiologische Vibrationen den Schädel, zuweilen den ganzen Körper in angenehme Schwingungen. "Mit der Zeit bekommst du eine ganz andere Körperlichkeit, die auf das Bewusstsein zurückwirkt", berichtet Susanne Weber.

Natürlich kann man Yoga auch einfach als Entspannungssport betrei-ben. "Die Frage ist nur, wie hältst du das durch?" meint Thiemo Zeppernick, der Leiter des Kölner "Instituts für Yoga und Gesundheit". Die Sorge mancher Yoga-Puristen um eine Einengung der Lehre mag er nicht teilen. "Wenn man Yoga eine Weile ausübt, egal mit welchem Ziel, wird man merken, dass man sich verändert. Einfach deshalb, weil man in einen Kontakt zu sich selbst tritt. Was man mit diesem Erlebnis dann anfängt, ob man die frei werdende Energie für seinen Beruf einsetzt oder an seiner spirituellen Entwicklung arbeiten will, das bleibt jedem selbst überlassen."

Das ein immer gleiche Yoga gibt es ohnehin nicht. Wer meint, Yoga bestehe aus einer Kombination von "Asanas", Körperübungen, die viel Beweglichkeit, aber wenig Kraftein-satz und Grundschnelligkeit erfordern - der irrt zwar nicht, aber er meint eben ausschließlich Hatha-Yoga. Dieser im Westen populärste Yoga-Stil geht zurück auf einen Yogi des 16. Jahrhunderts, der in seiner Yoga-Anleitung 84 Übungen mit so plasti-schen Titeln wie "Das Kuhgesicht" oder "Baum im Wind" beschrieben hat. "Viele Leute, die zu uns kommen, wollen zunächst diesen Stil", bestätigt Zeppernick. "Sie haben keine Lust zu schwitzen, sondern suchen eher ruhige, konzentrierte Bewegungsab-läufe. Andere wollen das exakte Gegenteil, brauchen Dynamik und einen Ansporn, um verloren gegan-gene Energie neu aufzubauen."

Auch dies ist Yoga: Kundalini-Yoga nämlich. Dessen Übungsformen beru-hen auf der Annahme Zehntausender feinster Energiekanäle, die den menschlichen Körper durchziehen (Ähnlich dem chinesischen System der Meridiane, aus dem die Techniken der Akupunktur und Akupressur hervorgegangen sind). An sieben Stellen entlang der Rumpfachse, angefangen vom Scheitel über Herz und Nabel bis hinab zum unteren Ende der Wirbelsäule, liegen so genannte Chakras, wörtlich übersetzt "Räder". Nach der überlieferten Vorstellung verteilen diese Schalt-stellen, indem sie sich drehen, Lebensenergie über den Körper: das "Prana".

Stehen die Energieräder dagegen still, oder braucht ein Mensch mehr Ener-gie, als seine Chakras verteilen, kommt es zu Blockaden. Körperliche und seelische Krankheiten, auch Erschöpfungszustände, können die Folge sein. Die Übungsreihen des Kundalini-Yoga stimulieren gezielt jeweils ein bestimmtes Chakra zu erhöhter Tätigkeit, sie führen dem Praktizierenden aber auch über die "Feueratmung" Lebensenergie zu - über eine Atemtechnik, bei der man unter Einsatz der Bauchmuskeln gleichsam durch die Nase hechelt.
"Nicht wenige Leute, die vom Hatha-Yoga kommen, stehen dem Kundalini zunächst ablehnen gegenüber", berichtet Beate Deissen. Mit Hatha-Übungen hat sie klassisch begonnen, doch mittlerweile ist sie vom Kundalini-Yoga überzeugt: "Man merkt die Wirkung so deutlich. Du gewinnst Abstand, kommst zur Ruhe, es ist wirklich verblüffend effektiv." Mittlerweile nimmt Yoga eine bedeu-tende Stellung in ihrem Leben ein. Seit einem organisierten Yoga-Urlaub in den Schweizer Alpen reserviert sie jeden Tag eine Dreiviertelstunde Zeit für ihre Körper- und Atemübungen.

Um die Dreißig, mitten im Leben stehend, esoterischen Spekulationen eher abgeneigt: Beate Deissen und Susanne Weber sind typische Kunden des "Instituts für Yoga und Gesundheit". Selbstständige, Medienleute, Lehrer, Programmierer kommen hierher, "um was für ihren Rücken zu tun oder einen Ruhepunkt in ihrem hektischen Alltag zu finden", sagt Thiemo Zeppernick. "Wer einen Guru sucht, findet anderswo ein breites Angebot. Um Übrigen wird Yoga mittlerweile kaum mehr als Esoterik wahrgenommen." Den Höhe-punkt dieser Entwicklung bildet derzeit das Power-Yoga. Dieser Stil, Anfang der neunziger Jahre in den USA begründet und durch Anhänger wie Madonna zu Medienruhm gelangt, erinnert wegen der Schnelligkeit und Präzision seiner Bewegungsfolgen an Fitnesstraining.

Die Berührung mit der Kultur des Westens musste im Yoga Spuren hinterlassen. Aus dem achtstufigen "Königsweg", dem Raja-Yoga, wie ihn Patanjali vor etwa 2000 Jahren in seinen berühmten Yoga-Sutras fest-gelegt hat, haben vor allem die Körper- und Atemübungen im Westen Anklang gefunden. Zu diesen Elementen des physischen Trainings treten in Patanjalis Lehre Einschrän-kung, Selbstdisziplin, Verinnerlichung, Konzentration und Meditation: Acht Stufen führen den Yogi zum "Samadhi", dem mystischen Erlebnis des Einsseins. Yoga bedeutet nämlich "Verbinden", die Vereinigung der individuellen Psyche mit dem alles durchdringenden kosmischen Bewusstsein.

Ursprünglich dienten auch die Übungen des Hatha-Yoga sämtlich dem Erreichen dieser letzten Stufe des Raja-Yoga. Zwar tritt das mystische Ziel des Yoga heute zumeist in den Hintergrund - Entspannung suchen die Praktizie-renden, nicht das Erleben kosmischer Einheit. Doch fließen stets auch meditative Elemente in die Bewegungsreihen ein. Am Ende einer Serie von Kundalini-Übungen etwa steht die "Endentspannung". Behag-lich in Decken gehüllt, wird der Körper in vollständige Ruhe versetzt. Nun lässt man jene Energie frei fließen, die man zuvor durch Stimulation der Chakras aufgebaut hatte. Es entsteht ein Zustand großer Gelöstheit - physiologisch betrachtet, werden die Gehirnströme von Alpha-Wellen dominiert -, vergleichbar dem Übergang in ein Traumgeschehen beim Einschlafen. Die Traumbilder erreichen nun jedoch kein schläfriges, sonder ein Bewusstsein voll wacher Aufmerksamkeit.

Wem der eher sportliche Weg des Kundalini-Yoga nach innen nicht liegt, der kann vergleichbare Erfahrungen durch die "Nada-Brahma-Therapie" gewinnen. Nada, das ist der Klang, und zwar wesentlich der innere Klang, der die gesamte Schöpfung durch-zieht. Diese Einsicht des Nada-Yoga hat der indische Atomphysiker Dr. Vemu Mukunda zu einer modernen Heilkunst weiterentwickelt. Basis seiner Therapie ist der individuelle Grundton, die Grundschwingung eines Menschen, zu der seine Stimme immer wieder zurückkehrt. Dieser Ton lässt sich bestimmen und wird dann zum Ausgangspunkt individueller Atem-, Stimmklang- und Bewusst-seinsübungen.

Welcher der Yoga-Stile einem Menschen mit seinen persönlichen Fähigkeiten und Defiziten entspricht, sollte ein Yoga-Lehrer mit dem erfor-derlichen Überblick entscheiden. Ganz unabhängig indes von dem gewählten Weg, auch von der Ziel-setzung des Übenden, bewirkt Yoga auf die Dauer allemal mehr als punktuelle Entspannung. "Diese Erfahrung beim Üben ruft die Einsicht wach: Davon will ich mehr haben. Ganz von selbst folgt dann die Frage: Was kann ich ändern an meinem Lebensalltag?" sagt Beate Deissen. "Klar, seine Arbeitswelt und deren Belastungen kann der Einzelne kaum beeinflussen. Wohl aber seine Einstellung zu diesen Belastungen. Und dabei hilft Yoga."

 
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